DAS AUßERGEWÖHNLICHE IM SCHEINBAR GEWÖHNLICHEN SEHEN

Henri Loyrette / ehemaliger Präsident und Direktor des Louvre, Paris

Es gibt Momente in unserem Leben, in denen ein glücklicher Zufall den Lauf der Ereignisse zu beschleunigen scheint und das Unerwartete eintreten kann. So habe ich im September letzten Jahres anlässlich eines in Malaysia von einem gemeinsamen Freund organisierten Essens den berühmten Designer Guy Oliver kennengelernt. Er wiederum hat mir von einem Künstler berichtet, der einen unglaublichen Versuch unternommen hat: eine Million Photos in einem Zeitraum von zwei Jahren aufzunehmen. Was bei diesem noch nie dagewesenen Unterfangen aber noch bedeutender ist, ist die Tatsache, dass diese Aufnahmen alle aus ein und demselben Fenster gemacht wurden und noch gemacht werden.
Der Photograph Ahae (im alten Koreanischen bedeutet dieser Name „Kind“) hat dabei seine Vision einer seit zwei Jahrzehnten bewahrten und geschützten Landschaft getreu eingefangen und fordert uns auf,

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DER MOMENT, DER MIT DER EWIGKEIT VERSCHMILZT

Catherine Pégard / Präsidentin der Öffentlichen Einrichtung Schloss, Museum und Staatsbesitz Versailles

Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit dem Sohn des koreanischen Künstlers Ahae, anlässlich der Einweihung der 2012 im Louvre, im Jardin des Tuileries, ausgerichteten Ausstellung, zu der mich Henri Loyrette eingeladen hatte. Mit einfachen, aber gleichzeitig bewundernden Worten beschrieb Keith Yoo das außerordentliche Werk seines Vaters. Dabei sprach er auch von der Aufgabe, die er sich selbst gegeben hatte, nämlich dieses Werk den Menschen von heute zugänglich zu machen, denn sie haben aufgrund der Hektik des modernen Alltagslebens oft nicht die Zeit, um zu verweilen und die Welt von einem einzigen Fenster aus zu entdecken.
„Das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen“, so hatte Henri Loyrette es mit jenem Scharfblick genannt, der seine Entscheidungen als Direktor des Louvre in zwölf Jahren bestimmt hat.

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DAS WESEN DER PHOTOGRAPHIE IN AHAES WERK

Dr. Claudio de Polo Saibanti / Präsident der Gebrüder Alinari – Stiftung für die Geschichte der Photographie, Florenz, und Dr. Monica Maffioli / Wissenschaftliche Direktorin des Nationalmuseums für Photographie Alinari, Florenz

Aus unserem Fenster zu schauen, unseren Blick auf etwas jenseits unserer vier Wände zu richten, auf die Welt, die uns umgibt, jenseits dessen, was uns als Wirklichkeit erscheint, das ist seit der Erfindung des Photoapparates das Thema, das ihn ständig begleitet und seine Anwendungen bestimmt. Ein visuelles Medium, das es uns erlaubt, die Perspektive unseres Wissens bis ins Unendliche zu vervielfachen. Die erste Photographie der Geschichte wurde in den Jahren 1826-1827 von Nicéphore Nièpce aufgenommen und ist

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SO EINFACH, SO WUNDERSCHÖN, SO VOLLKOMMEN

Prof. Milan Knížák / Ehemaliger Generaldirektor der Nationalgalerie Prag

Diese unermesslich einfache, aber gleichzeitig enorm reiche Sicht der Welt durch ein und dasselbe Fenster im Hause des koreanischen Photographen, Erfinders und Unternehmers Ahae, hat mich zutiefst beeindruckt.
Ich kenne mich ziemlich gut aus in der zeitgenössischen Photographie, wo man heute fast vollkommen auf eine Beobachtung der Welt verzichtet, um sich vor allem auf sorgfältig ausgewählte und oft übertrieben raffiniert dargestellte „soziale Themen“ zu konzentrieren, welche die

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FERN UND NAH (ÄSTHETIK UND ÖKOLOGIE IN AHAES WERK)

Joseph Backstein / Direktor des Instituts für Zeitgenössische Kunst, Moskau (ICA Moskau) / Kommissar der Moskauer Biennale für Zeitgenössische Kunst

Die Arbeiten Ahaes stellen sich uns als ein einzigartiges Bild der natürlichen Grundlagen des menschlichen Lebens dar. Seine Photographien scheinen etwas ganz Normales abzubilden: einen Wald, Felder und Wiesen. Doch was sich wirklich unseren Augen bietet, ist eine Art Metapher für die ideale Umwelt des Menschen.
Dabei gibt es verschiedene Ebenen der Darstellung. Unter dem Gesichtspunkt der Ästhetik entwickelt und wandelt

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AHAE, PHOTOGRAPH DER URSPRÜNGE

Anne-Marie Garcia / Kuratorin für Photographie an der Nationalen Hochschule der Schönen Künste, Paris

1816. Anwesen Le Gras, Saint-Loup-de-Varennes, Frankreich. Acht Tage hat Nicéphore Niépce ständig an seinem Fenster gestanden, bis er das erste, vom Licht gezeichnete heliographische Bild erhielt. So beschreibt er sein Unterfangen: „Ich hatte die Kamera in dem Raum aufgestellt, in dem ich arbeitete. Vor dem Vogelkäfig, bei weit geöffnetem Fenster, habe ich den Versuch nach dem Verfahren durchgeführt, das du, mein lieber Freund, gut kennst. Und auf dem weißen Papier habe ich den gesamten Teil des Käfigs gesehen, den man vom Fenster aus erblicken konnte, dazu eine leichte Abbildung des Fensterrahmens, die aber weniger beleuchtet war als die Gegenstände draußen.“ [1] Zehn Jahre später schuf er auf einer mit Erdpech beschichteten Zinnplatte seinen „Blick aus dem Fenster in Le Gras“, die älteste, uns heute erhaltene Photographie.

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