Photos aus Südkorea erleuchten mit ihrer Schlichtheit die Großen Galerien von Versailles

In den vergangenen vier Jahren hat der südkoreanische Photograph Ahae (72) täglich – vom Morgen bis in die Nacht – bis zu 3.000 Digitalaufnahmen von der Natur gemacht: Sonnenuntergänge, Wasser, das sich kräuselt, Rehe auf Futtersuche, Wälder nach einem leichten Schneegestöber. Und alles immer aus ein und demselben Fenster, im ersten Stock seines Hauses, in der Nähe von Seoul. Ab heute werden dem Publikum in der Orangerie im Schloss von Versailles zum ersten Mal in zehn linearen Galerien 200 mittel- und großformatige Bilder aus dieser vierjährigen Tätigkeit gezeigt.

Im letzten Jahr hatte Ahae dem Publikum eine Auswahl aus derselben Serie vorgestellt, in einem eigens dafür am Louvre, in dem Jardin des Tuileries errichteten Pavillon. Und eben dort hat Catherine Pégard, die Präsidentin des Schlosses von Versailles, seine Aufnahmen zum ersten Mal gesehen. Mit der Unterstützung von Ahaes Sohn Keith Yoo, der auch Kurator seiner Ausstellungen ist, hat Frau Pégard die Ausstellung in der Orangerie zeitgleich mit der Veranstaltung zum 400. Geburtstag von André Le Nôtre organisiert, dem visionären Landschaftsarchitekten Ludwigs des XIV., der den Park von Versailles geschaffen hat.

Die bis dahin nie gezeigten Bilder sind derart angeordnet, dass sie – auf surrealistische Weise – den gesamten Ablauf eines einzigen Tages umfassen. Am Anfang der Sammlung steht das am frühen Morgen aufgenommene Photo mit Wasserrehen, die – als wären sie Wachen – den Besucher dazu einladen, das Verstreichen der Zeit zu beobachten. Von einer Galerie zur nächsten wechseln Sonne und Wolken einander ab, die Tiere zeigen sich in den verschiedenen Jahreszeiten, die sich über die immer wieder von Ahae photographierte Landschaft legen. Die von Ahae sich selbst gesetzten Grenzen, also die vier Seiten des geöffneten Fensters, lassen die von seinen Objektiven eingefangenen Szenen viel lebendiger erscheinen. Von diesem statischen Beobachtungsposten aus beeinflussen sich nämlich die feinen, kaum wahrnehmbaren Bewegungen der Natur wechselseitig, so dass schließlich ein Ganzes von einer weitaus tieferen Bedeutung entsteht. Die ursprüngliche Einfachheit der Szenen wird außerdem durch den für die Ausstellung gewählten Rahmen besonders unterstrichen, wo die Sorgfalt bis ins kleinste Detail geht. Ein Gegensatz, den die Organisatoren der Ausstellung – die vorher Werke von Jeff Koons und Takashi Murakami im Schloss gezeigt hatten – bewusst gesucht haben.

Wie Yoo erklärt, kann Ahaes Arbeit in einer einfachen Botschaft zusammengefasst werden. „Als Naturalist ist mein Vater der Meinung, dass man nur die Augen öffnen und die umgebende Welt wahrnehmen müsse, um dann alles zu tun, um diese Natur zu bewahren, bevor es zu spät ist.“

„Fenêtre sur l’extraordinaire: Photographies de AHAE“ ist vom 25. Juni bis zum 9. September in der Orangerie in Versailles zu sehen. Der Eintritt ist kostenlos.

Natalie Rinn
The New York Times Style Magazine June 25, 2013

 

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