SO EINFACH, SO WUNDERSCHÖN, SO VOLLKOMMEN

Prof. Milan Knížák / Ehemaliger Generaldirektor der Nationalgalerie Prag

Diese unermesslich einfache, aber gleichzeitig enorm reiche Sicht der Welt durch ein und dasselbe Fenster im Hause des koreanischen Photographen, Erfinders und Unternehmers Ahae, hat mich zutiefst beeindruckt.

Ich kenne mich ziemlich gut aus in der zeitgenössischen Photographie, wo man heute fast vollkommen auf eine Beobachtung der Welt verzichtet, um sich vor allem auf sorgfältig ausgewählte und oft übertrieben raffiniert dargestellte „soziale Themen“ zu konzentrieren, welche die Welt größtenteils in einer fast vulgären, halb intellektuellen Sichtweise darstellen. Inmitten dieser Menge freudloser, ja traumatischer Photographien ist Ahaes Würdigung der Welt, die sich ihm vor seinem Fenster darbietet, direkt und unkompliziert, man könnte fast sagen normal. Ich betone dabei das Wort „normal“, denn ich verstehe es in seiner grundlegendsten Bedeutung. Diese normale, alltägliche Welt ist voller Magie, die wir entdecken können, wenn wir sie nur aufmerksam betrachten. Und Ahae ist dieser aufmerksame Betrachter. Mit großer Leidenschaft und einer perfekten Technik gewappnet, fängt er die kaum wahrnehmbaren Veränderungen ein, zu denen es in der Welt jenseits seines Fensters kommt. Ich habe absichtlich das Wort „Welt“ gebraucht, denn wenn ich Ahaes Photographien betrachte, habe ich das Gefühl, eine ganze Welt zu sehen, auch wenn keine Menschen darin vorkommen. Ahaes Photographien sind eine Würdigung der Natur, aber sie enthalten keine provozierenden oder leeren Parolen zum Thema Umweltschutz, sondern zeigen die Welt, wie sie wirklich ist: zerbrechlich und prachtvoll, bescheiden und mutig, und immer erhaben.

Diese Ausstellung zeigt nur eine kleine Auswahl aus den Arbeiten des Photographen. Ahae könnte nämlich Hunderte von Ausstellungen wie diese ausrichten, so zahlreich sind die Bilder, die er von seinem Fenster aus aufgenommen hat. Doch eben aus diesem Grund brauchten keine besonderen Photographien ausgewählt zu werden, denn jede hat ihre in sich abgeschlossene Bedeutung, ist aber gleichzeitig auch ein Teil des Ganzen, mit dem sie verschmilzt. Durch sein Fenster sieht Ahae alle Mosaiksteine, die zusammen das Leben bilden. Wenn ich wirklich an Gott glaubte, würde ich sagen, dass Ahae mit seinen unaufdringlichen, feinen Photographien Gott den Schöpfer feiert.

Juli 2011

Back