DER MOMENT, DER MIT DER EWIGKEIT VERSCHMILZT

Catherine Pégard / Präsidentin der Öffentlichen Einrichtung Schloss, Museum und Staatsbesitz Versailles

Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit dem Sohn des koreanischen Künstlers Ahae, anlässlich der Einweihung der 2012 im Louvre, im Jardin des Tuileries, ausgerichteten Ausstellung, zu der mich Henri Loyrette eingeladen hatte. Mit einfachen, aber gleichzeitig bewundernden Worten beschrieb Keith Yoo das außerordentliche Werk seines Vaters. Dabei sprach er auch von der Aufgabe, die er sich selbst gegeben hatte, nämlich dieses Werk den Menschen von heute zugänglich zu machen, denn sie haben aufgrund der Hektik des modernen Alltagslebens oft nicht die Zeit, um zu verweilen und die Welt von einem einzigen Fenster aus zu entdecken.

„Das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen“, so hatte Henri Loyrette es mit jenem Scharfblick genannt, der seine Entscheidungen als Direktor des Louvre in zwölf Jahren bestimmt hat.

Aus ein und demselben Fenster, vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang, Tag um Tag, so umarmt Ahae die Welt, und es ist dabei gerade das unendlich Kleine, das uns die Unermesslichkeit der Landschaft verstehen lässt, die der Künstler uns zeigt. Aus scheinbar unbedeutenden Einzelheiten entsteht ein ganzes Fresko, und hinter der einfachen Geste des Photographen verbirgt sich die große Erhabenheit des Poeten. Der Moment, der mit der Ewigkeit verschmilzt.

Dieses Jahr habe ich Ahae eingeladen, im Schloss von Versailles eine neue Serie seiner Photographien auszustellen, die ebenfalls aus demselben Fenster gemacht wurden. Auf der von Guy Oliver in der Orangerie ausgerichteten Ausstellung können wir die unerwartete Schönheit von Ahaes Welt im Laufe der Stunden und Jahreszeiten entdecken: „Das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen.“ In diesem Jahr begehen wir den 400. Geburtstag von André Le Nôtre. Und die Ausstellung findet eben in diesem Jahr statt, in dem wir den Gärtner des Sonnenkönigs feiern, was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, die auch Ahae gut kennt. Denn er verkörpert das genaue Gegenteil: Wo Le Nôtre die Natur beherrschte und sie dem Gefallen des Königs entsprechend gestaltete, lässt sich Ahae von ihr erobern, in all ihren Formen. Und so veranschaulicht er, aus seinem Atelier heraus, am anderen Ende der Welt, die Worte Marcel Prousts: „Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu sehen, sondern darin, neue Augen zu haben.“

Und ich habe das Vergnügen, Sie zu dieser Entdeckungsreise einzuladen. Ich möchte Keith Yoo dafür danken, dass er es möglich gemacht hat. Magisch.

Back